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„Hier bin ich kein Exot“ – Allegretto Chor in Saulgrub

Besuch bei der Chorwoche eines größtenteils aus blinden und sehbehinderten Sängern bestehenden Chores im bayrischen Voralpenland

Die Chorprobe beginnt wie unzählige andere auch. Mit Lockerungs- und Dehnungsübungen, ersten Stimmübungen auf s-s-s und sch-sch-sch. „Und jetzt kommen die Töne dazu“, ruft die Chorleiterin. U-a-u-a-u-a-u-a-u tönt es, vom Klavier begleitet, wohlklingend durch den Raum. Erst als die Aufwärmphase beendet ist, sich alle hinsetzen und das erste Stück angesagt wird, zeigen sich Unterschiede zu den Chorproben, wie man sie kennt. Üblicherweise würden jetzt alle in ihren Notenstapeln kramen, das richtige Blatt suchen und irgendwann finden – und im weiteren Probenverlauf mehr auf dieses als nach vorne zur Chorleiterin schauen. Hier jedoch sind alle Köpfe erhoben. Manche Sänger haben Papiere im Schoß liegen, die sie abtasten. Einige tragen ein Aufnahmegerät an einem Band um den Hals. Nur bei ein paar wenigen sieht man das sonst obligatorische Notenblatt in der Hand.
Wir sind bei einer Probe des Allegretto-Chores im AURA-HOTEL im oberbayrischen Saulgrub, zwischen Murnau und Oberammergau gelegen.

Das Hotel ist speziell auf die Bedürfnisse von blinden und sehbehinderten Menschen eingerichtet und bietet auch die Möglichkeit, hier Kurse und Workshops abzuhalten. Der Allegretto-Chor ist eigentlich in Bad Liebenzell beheimatet, wo er 2005 „als heiter beschwingtes Sommervergnügen“ gegründet wurde, wie Chorleiterin Dorothee Weiß erzählt. Seither trifft sich das Ensemble bis zu dreimal jährlich zur Probenwoche. Schon zum zweiten Mal veranstaltet Weiß ihre Sommer-Chorwoche nun hier im AURA-HOTEL. Diese wurde auf der Website des Hotels veröffentlicht und steht allen Interessierten offen. So haben sich zur Stammbesetzung des Chores Teilnehmer aus ganz Bayern, aus Nordrhein-Westfalen, Berlin und Freiburg eingefunden. Auch eine Handvoll nicht sehbehinderter Sänger ist darunter.

Gestern sind alle angereist. Nach dem Abendessen fand gleich eine erste Probe statt; am Vormittag zwischen Frühstück und Mittagessen wurde weiter gearbeitet. Der Nachmittag ist frei, etwa für Ausflüge, die das Hotel organisiert (und auf Wunsch auch Begleitpersonen zur Verfügung stellt). Nach dem Abendessen wird dann wieder geprobt. So werden alle folgenden Tage ablaufen, bis zum Abschlusskonzert, wozu nicht nur die Gäste des AURA-HOTELs eingeladen sind, sondern auch Publikum aus der Region.

„Ich hoffe, ihr hattet einen erholsamen Nachmittag – bei dem tollen Wetter“, begrüßt Weiß ihre Schar. Mit „Dubadap da“, einem Jazz-Kanon von Uli Führe, wählt sie einen lockeren Einstieg. Sie spielt auf dem Flügel und singt gleichzeitig mit; dann lässt sie den Text nochmals trocken üben. Und wagt gleich einen vierstimmigen Versuch: Klappt! Mit fünf Sopranen, sechs Altistinnen, vier Tenorstimmen (in die sich zwei Männer und zwei Frauen teilen) und drei Bässen hat sie eine Besetzung, die die Ausführung vierstimmiger Sätze erlaubt. Die Arbeitsatmosphäre ist locker; man duzt sich. Und die Konzentration der Sänger ist vorbildlich.

Dorothee Weiß hat in Trossingen Schulmusik studiert und ihren Abschluss als Diplom-Musiklehrerin für Klavier gemacht. Als sie schon ihren Beruf als Klavierlehrerin an einem evangelischen Gymnasium in Sachsenheim bei Ludwigsburg ausübte, schloss sie ein Zusatzstudium vokale Korrepetition in Leipzig an. Über ihre Passion für die Liedbegleitung fand sie schließlich zur Arbeit mit sehbehinderten Sängern: 1986 wurde sie die feste Klavierbegleiterin der blinden Sopranistin Ursula Emmerich-Apel, die als Mitglied der Freischaffenden blinden Künstler Schwetzingen deutschlandweit konzertierte.

Ihre Arbeitsweise im Allegretto-Chor unterscheide sich nicht grundsätzlich von der mit ihren anderen Ensembles, meint Weiß. „Ob und wie viel Chorerfahrung ein Sänger hat, ist wichtiger als die Tatsache, ob er sehbehindert ist.“ Doch wie gibt sie Einsätze im Konzert? „Meist spiele ich am Klavier mit; dann ergibt sich das von selbst. Und wenn ein paar sehende Sänger im Chor dabei sind und diese mit mir auf mein Zeichen hin deutlich einatmen, übernehmen das die anderen.“ Und die ansonsten über Gestik und Mimik ablaufende Kommunikation zwischen Dirigent und Sängern? Auch das lässt sich am Klavier regeln. „Oder man muss alles genau einstudieren. Im Moment der Aufführung will man dann aber vielleicht doch etwas anders machen.“ Viel laufe da über Intuition, über die verschärfte Sinneswahrnehmung, die blinden Menschen eigen ist.

Ein größeres Problem stellt dagegen der eigene Lernprozess dar. Zwar gibt es Notenausgaben in Punktschrift, doch die Brailleschrift ist hier notwendigerweise komplizierter, als wenn sie nur einen reinen Text wiedergibt. „Ich spiele Klavier“, erzählt Ulrike Jochheim aus Soest in Nordrhein-Westfalen. „Und wenn ich die rechte Hand spielen will, muss ich den Notentext mit der linken Hand lesen – und umgekehrt. Das ist so mühsam, dass diese Braille-Noten für mich total negativ besetzt sind.“ In der Chorprobe nutzt sie ein Aufnahmegerät und lernt ihren Part beim Abhören – wie etliche andere auch. Beate Bauer aus Heilbronn, Gründungsmitglied des Allegretto-Chores, hat eine angeborene Sehschwäche, die sich erst relativ spät bemerkbar machte. „Ich habe große Schwierigkeiten mit der Braille-Schrift, weil ich sie zu spät erlernt habe“, erzählt sie. In der Probe benutzt sie ein übliches Notenblatt, doch das Entziffern ist mühsam. „Ich kann immer nur entweder den Text oder die Noten verfolgen.“ Dietmar Böhringer, nicht sehbehinderter Fachschulrat i. R., hat Erfahrungen mit etlichen Chören, in denen Blinde aktiv sind. Er erzählt von der Methode, alle Chorstimmen mit einem Computerprogramm einzuspielen und den Sängern zum Lernen ihres Parts zur Verfügung zu stellen.

Auf ganz eigene Art geht Gisela Lütgens aus Hannover, die im Tenor singt, das Problem an. Sie benutzt ihren Pronto-Organizer, einen Kleincomputer für sehbehinderte Menschen, der eine Eingabetastatur für Braille, eine Funktion zur Sprachaufnahme und -ausgabe sowie eine Braillezeile zur Anzeige von Text in Blindenschrift hat. Die Liedtexte hat sie von Weiß per e-mail bekommen, mit einem Übersetzungsprogramm in Blindenschrift übertragen und vorab schon im Organizer eingespeichert. Die Noten lässt sie sich nun in der Probe von der Chorleiterin ansagen, um sie in Braille-Notenschrift festzuhalten. So erstellt sie ihre eigene Braille-Version der Werke, die sie auf dem Organizer mit- bzw. nachlesen kann. Dass Louis Brailles „geniale Erfindung“ für viele blinde Menschen ein wahrer Segen sei, findet nicht nur Gisela Lütgens in dieser Runde.

„Ich bin erstaunt, wie entspannt und fröhlich die Atmosphäre hier ist“, gesteht Werner Bechle aus Heilbronn, der als Sänger mit voller Sehkraft die Souveränität seiner Mitsänger bewundert. „Hier wird konzentrierter gearbeitet; die Sänger sind aufmerksamer – es gibt ein besseres Miteinander“, konstatiert der in vielen Chören Aktive. Dass die Arbeit allerdings schon mehr Zeit brauche, merkt Dietmar Böhringer an. „Bei anderen erfahrenen Chorsängern teile ich ein Notenblatt aus – und kann mit einem vierstimmigen Satz gleich loslegen. Hier muss man Stimme für Stimme erarbeiten und dann Stück für Stück zusammensetzen.“ Genau deshalb ist das Singen für Beate Bauer hier  entspannter als in ihrem anderen Chor, den ebenfalls Dorothee Weiß leitet: „Dort singt und spielt sie nämlich nicht so viel vor.“ Auch Ulrike Jochheim ist noch in einem ‚normalen’ Chor aktiv: „Bei dem Arbeitstempo mitzuhalten ist mühsam. Alleine die Angaben, wo es weiter geht im Notentext: Eine Taktzahl genügt den anderen; ich komme dann halt etwas später dazu.“ Die Atmosphäre im Allegretto-Chor bedeutet für sie vor allem eines: „Hier bin ich kein Exot!“ Doch aufs regelmäßige Singen, auch wenn es etliche Herausforderungen mit sich bringt, kann und will sie nicht verzichten: „Seit ein paar Jahren nehme ich auch Gesangsunterricht. Das ist das Beste, was ich je gemacht habe! Nach dem Singen geht’s mir immer richtig gut.“

Nach Mendelssohns „Die Nachtigall“, einem pfiffigen Arrangement zur „Vogelhochzeit“ von Thomas Gabriel und dem ein wenig bösen Esel-Kanon von Robert Edler endet die abendliche Probe mit dem „Dona nobis pacem“-Kanon. Ein stimmungsvoller Beschluss! Und danach zieht die Truppe hinüber ins „Stüberl“, um den beim Singen entstandenen Durst zu löschen.

Wie das nach einer Chorprobe eben so üblich ist…

Bericht Sabine Näher, Magazin „CHORZEIT“